Zum Trauerspiel analoger Film:
"Odyssee" habe ich nicht gesehen, kann nur mutmaßen, nachdem überall die zu steile Tradition und (angeblich vom Künstler beabsichtigter) Verlust an Schatten diskutiert wird.
Anzunehmende Gründe:
Hoher Motivkontrast bei der Aufnahme + geringe Aufhellung der Gesichter / relativ knappe Schattenbelichtung + anschließend steile und dunkel bestimmte 70-mm-Kopie lässt die Hälfte des Bildinhaltes absaufen.
Dann addieren sich zwei Wirkungen:
Im Originalnegativ werden die tiefsten Schatten bereits im unteren Durchhang zusammengedrängt.
Die Filmkopie (hier auf 2383) setzte durch den Lichtbestimmer den verbliebenen Schattenbereich zu dunkel, plötzlich alles kontrastreich aufgestylt: ein ungeheuer kräftiges, pseudobrillantes 70-mm-Bild (wie bei verstellten HDR- Fernsehen in Kaufhäusern mit Schrecken zu rügen) ergibt sich, aber in den tiefen Schatten finden wir plötzlich kaum noch Zeichnung, auch wenn sie ansatzweise im Negativ noch vorhanden wäre.
Aus meiner Erinnerung störte dies bereits in "Hateful 8" bei den Schneeaufnahmen, wenn auch umgekehrt gehandhabt:
Hoher Motivkontrast entsteht genau aus solchen Situationen: starkes Sonnenlicht auf Schnee, Sand oder Himmel einerseits und Gesichter beziehungsweise Kleidung im Schatten oder Gegenlicht andererseits. Wenn diese Schatten nicht ausreichend aufgehellt und zusätzlich beleuchtet werden (die Gesichter von Russell und Jason-Leigh sahen so aus), kann der Helligkeitsunterschied so groß werden, dass die dunklen Partien des Motivs im unteren Durchhang der Negativkennlinie landen, flach verlaufen.
Bei "The Hateful 8" passt meine Beobachtung zu dem Aufnahmeverfahren mit modernen Objektiven und Spiegelreflexkameras. Der Kameramann Richardson drehte die Außenaufnahmen in 65 mm auf 50D und 250D, und forcierte das nur eine halbe oder eine ganze Blende absichtlich etwas knapp belichtete Negativ häufig um eine halbe Blende, gelegentlich um eine ganze Blende. Die durchschnittliche Arbeitsblende benennt er selber mit ungefähr T4. Gerade Schnee sorgt pe se für eine hohe Negativdichte, kann in direktem Sonnenlicht enorme Motivhelligkeiten erreichen, während ein Gesicht im Gegenlicht oder im Schatten des Hutes um mehrere Blenden dunkler liegt und absäuft, wenn ein Beleuchtung gespart wird.
Dabei würde ich zwei verschiedene Probleme unterscheiden:
Beim Schnee kann die Belichtung so gewählt sein, dass die hellsten Schneeflächen bereits sehr weit oben auf der Negativkennlinie liegen. Dann nimmt die Differenzierung ab - feine Zeichnung zwischen "sehr hell", "noch heller" und "Spiegelung" dürfte geringer werden. Das ist der umgekehrte Bereich der Kennlinie gegenüber den tiefen Schatten.
Bei den Gesichtern passiert dann das Gegenteil: Liegen sie im Schatten und werden nicht genügend aufgehellt, erhalten sie wesentlich weniger Belichtung und rutschen zum unteren Durchhang hin auf die ebene Linie. Dort wird die Trennung geringer Helligkeitsunterschiede zunehmend schwächer und kaum noch differenziert.
So kann sich innerhalb ein- und derselben Einstellung Folgendes gleichzeitig ereignen:
Schnee verliert oben in der Kennlinie bereits feine Zeichnung, während ein Gesicht unten gleichzeitig sehr dunkel und wenig differenziert wirkt.
Das ist keine widersprüchliche Annahme, sondern das Kennzeichen eines sehr großen Motivhelligkeitsumfangs, der bei anderen Großproduktionen wie "Untergang des Römischen Reiches", "Cheyenne", "Patton", "Khartoum" noch weitgehend ausgewogen am Set in Absprache mit dem Filmkopierwerk berücksichtigt und durch zahlreiche zusätzliche Reflektoren korrigiert wurde. Ein Unterschied wie Tag und Nacht zu heutigen Filmen, ohne unnötig artifiziell oder künstlich zu wirken.
Eine Odyssee im Leerraum, in diversen Roadshowkinos auch noch im Bildseitenverhältnis (Aspect Ratio) amputiert (oben und unten beschnitten):
Etwas besser trotz schwieriger Aufnahmebedingungen hatte man es hier im Griff:
Wenn man heute allgemein weniger erkennt und sieht und auch die Schärfentiefe bei der Aufnahme permanent zusammenbricht, sollte man vielleicht einmal ein Tribunal zu solchen Filmemachern abhalten?